Ganzjahresfütterung kompensiert nur Versäumnisse

 

 

Vogelschützer Herbert Geitner zum Dauerthema im Winter;

 

Futterstellen sollten kontinuierlich bestückt werden.

 

 


Herbert Geitner

 

Sollen Vögel in freier Natur im Winter gefüttert werden.? In welchem Umfang? Oder soll man ihnen gar das ganze Jahr über Nahrung anbieten? Die Vogelspezialisten sind sich nicht einig. Nachdem der tiefe Winter erst einmal Pause eingelegt hat, sprach unser Redaktionsmitglied Klaus-Peter Leipold mit dem Fachmann Herbert Geitner aus Bad Schönborn. Geitner ist Naturschutzwart des Vereins der Vogel- und Naturfreunde in Mingolsheim, Vorsitzender des Landesverbands Deutscher Waldvogelpfleger und Vogelschützer sowie Geschäftsführer des gleichnamigen Bundesverbands.

 

Ist das derzeit schon die Vorhut für einen harten Winter oder muss man sich um die Vogelwelt noch keine Sorgen machen?
Geitner: Es kann sein, dass ein harter Winter bevorsteht - muss es aber nicht. Ich habe schon öfters erlebt, dass einem frühen Wintereinbruch relativ milde Monate folgten. Generell gesehen muss man sich um die Vogelwelt schon Sorgen machen, denn jede achte Vogelart ist von der Ausrottung bedroht.

 

Der Streit darüber, ob Wildvögel sogar ganzjährig gefüttert werden sollten, ist nicht neu. Was spricht denn dafür, auch in guten Zeiten Futter bereitzustellen?
Geitner: Für viele Naturfreunde völlig unverständlich wurde in den letzten Jahren oftmals die Winterfütterung der Vögel kritisiert oder sogar davon abgeraten. Von einer ganzjährigen Fütterung ganz zu schweigen. Solche Ansichten wurden auch in zahlreichen Veröffentlichungen von wohlmeinenden Organisationen und selbst in Fachorganen publiziert. Das hat sehr viele hilfsbereite Vogel- und Naturfreunde sehr verunsichert und große Ratlosigkeit hervorgerufen. Zu neuen Erkenntnissen gelangte man vor allem durch langjährige Untersuchungen in England, die von dem ehemaligen Direktor der Vogelwarte Radolfzell, Professor Peter Berthold in seinem Buch Vögel füttern - aber richtig vor kurzem als Grundlage für eine Ganzjahresfütterung propagiert wurden.

 

... auf welcher Grundlage?
Geitner: In früheren Jahrzehnten erfolgte eine Fütterung der Vögel, auch in guten Zeiten, oftmals unbewusst und auch ungewollt. So war in ländlichen Gebieten fast auf jedem Hausgrundstück ein Hühnerhof installiert, in dem sich verschiedene Vogelarten mit Futter bedienen konnten. Auch die allgegenwärtigen Misthaufen und Viehställe stellten ein nahezu unerschöpfliches Nahrungsreservoir dar. Dazu kamen noch die bei der Handarbeit der Getreideernte liegengebliebenen Körner und Dreschabfälle. Dies alles hat sich inzwischen gravierend geändert. Durch die teilweise ausgeräumten bereinigten Landschaften und dem Anbau von Monokulturen fehlen unserer heimischen Vogelwelt außerdem die natürlichen Nahrungshabitate früherer Zeiten. In einer Ganzjahresfütterung wird daher lediglich versucht diese nahrungsmindernden Einwirkungen auf unsere Vogelwelt, zumindest teilweise, zu kompensieren. Auch bei Schlechtwetterperioden in den Monaten außerhalb der Winterszeit können die Ganzjahresfutterstellen dann von den Altvögeln als unterstützende Nahrungsquellen, in Notlagen, genutzt werden.

 

Wie halten Sie es im Mingolsheimer Verein?
Geitner: Beim Mingolsheimer Verein der Vogel- und Naturfreunde war die Winterfütterung schon in der ersten Vereinssatzung als einer der Vereinszwecke verankert. Seit dem Gründungsjahr 1964 wird diese auch regelmäßig an verschiedenen Stellen der Gemarkung gezielt vorgenommen. Parallel dazu hatte jedoch schon immer die Schaffung und der Erhalt der ursprünglichen Lebensräume und Nahrungsquellen für die Vogelwelt den höchsten Stellenwert bei der Naturschutzarbeit des Vereins. Nicht zuletzt dadurch befinden sich auf der Gemarkung Bad Schönborn noch ausreichend natürliche Nahrungsgebiete, die eine Sommerfütterung nicht zwingend machen.

 

... und Sie persönlich in Ihrem Garten?
Geitner: In unserem privaten Garten versuche ich sinngemäß dieses bewährte Prinzip genau so zielgerichtet zu praktizieren.

 

Kann sich der Nicht-Vogelfachmann ohne Sorgen Futter im Laden kaufen? Oder wo kann er sich beraten lassen?
Geitner: Das in vielen Läden angebotene Futter ist in der Regel auch zweckmäßig. Es ist unterteilt in Körnerfutter und Weichfutter. Dennoch sollte man es vor dem Kauf genauer ansehen. Verschimmeltes Futter darf auf keinen Fall verabreicht werden, denn dies kann für die Tiere tödlich sein. Auch an der Futterstelle ist darauf zu achten, dass das Futter nicht nass wird, sonst können auch hier gefährliche Giftstoffe entstehen. Wie unser Verein haben auch viele andere Vogel- und Naturschutzvereine unzählige Publikationen über die Winterfütterung veröffentlicht. D arüber hinaus gibt es zahlreiche, diesbezügliche Broschüren, die über den Buchhandel bezogen werden können. Das bereits oben zitierte Buch von Peter Berthold und Gabriele Mohr Vögel füttern - aber richtig vom Kosmos-Verlag, kann auch für die Ganzjahresfütterung empfohlen werden. Gerne erteilen natürlich auch die aktiven Mitglieder unseres Vereins dazu Auskunft.

 

 


Professor Peter Berthold
Worauf sollte man bei der Fütterung im Winter besonders achten?
Geitner: Bei der Fütterung im Winter muss auf das stetige Vorhandensein des Futters, ohne Unterbrechung, geachtet werden. Dies ist besonders bei dauerhaften Minusgraden und bei einer geschlossenen Schneedecke für das angefütterte Vogelvolk überlebensnotwendig. Keinesfalls sollte man salzhaltige Nahrung wie Brot-, Speck-, Käse-, Schinken- oder Wurstreste füttern. Bei der Auswahl der Winterfuttergeräte sind Futtersilos sehr zweckmäßig und auch aus hygienischen Gründen zu bevorzugen. Daneben sind Meisenknödel, Meisenringe, aus Rindertalg hergestelltes Fettfutter, das man in Futterglocken gießen kann und Gitterwand-Silos mit ungesalzenen Erdnüssen befüllt, gute Nahrungsmittel für unsere heimische Vogel weit.

 

Welche Vögel bedürfen besonders der Hilfe des Menschen in kalten Wintern?
Geitner: Einzelne Vogelarten herauszuheben, die besonders unserer Hilfe in kalten Wintern bedürfen, ist nicht angebracht. Dies ist auch vom Standort des Futterplatzes, von der Vegetationsstruktur der Umgebung und von den Witterungsbedingungen abhängig.