Wildtierhaltung in Privathand - BNA-Symposium klärt die Fronten

 

 

Am 21. und 22. April 2012 trafen sich in Hambrücken im BNA-Schulungszentrum etwa 100 Vertreter aus Wirtschaft, Verbänden und Vereinen des Heimtierbereichs, Vertreter von Tierschutzorganisationen sowie mit dem Thema Tierschutz betraute Politiker, um ihre Vorstellungen zur Umsetzung des Tierschutzes bei der Wildtierhaltung in Privathand vorzustellen und zu diskutieren.

 

Tagungsleiter Dietmar Schmidt (Chefredakteur Gefiederte Welt) eröffnete die Tagung, deren erster Punkt die Diskussion der Fragestellung war, was ein Wildtier eigentlich ist und wie es vom Haus- und Heimtier abzugrenzen sei.
Dabei stellte sich schnell heraus, dass es schon bei der Definition dessen, was ein Wildtier ist, Probleme gibt. Nutztiere sind eigentlich klar abgegrenzt. Aber schon in der Aquakultur wird es problematisch. Oft wird als Voraussetzung für die Bezeichnung Haustier die Bindung an den Menschen und bei Heimtier die Domestikation genannt. Tatsächlich sind aber zahlreiche Heimtiere, wie etwa das Meerschweinchen, bis heute nicht domestiziert, worauf Jürgen Hirt vom BNA hinwies.

 

 

Michael Schmid, BNA, stellte weiterhin fest, dass die Haltung der Haustiere in vielen Fällen schwieriger ist als die der sogenannten Wildtiere. Mangelnde Sachkenntnis würde in allen Bereichen zu Problemen führen, nicht etwa, dass die betreffenden Tiere nicht haltbar wären. Und das trifft auf Hund und Katze ebenso zu wie auf Chamäleon und Leguan.

 

 

Mitten ins Thema führte der Vortrag von Prof. Dr. Thomas Richter, Leiter der Fachgruppe Tierschutz der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft, der sich dem Thema Ist jede Haltung von Wildtieren tierschutzwidrig? widmete.
Er definierte Wildtier als Tier, dessen genetische Ausstattung der einer freilebenden Population entspricht. Und damit sei zweifelsfrei nur das Hausrind nicht als Wildtier zu bezeichnen, da es hier kein wildlebendes Pendant gibt - der Auerochse ist ausgestorben. Tierschutzprobleme würden bei Haus- und Wildtieren in gleicher Weise auftreten.

 

Als Fazit hielt er fest, dass eine Wildtierhaltung möglich und tierschutzkonform ist, da es keine biologischen Eigenschaften gibt, die dies verhindert. Eine Grenze zwischen akzeptabler und nicht akzeptabler Tierhaltung sei nur politisch zu ziehen. Eine verstärkte Forderung nach Sachkunde des Tierhalters in Verbindung mit tauglichen Haltungseinrichtungen sowie einer gewissen tierschutzrechtlichen Überwachung sei aber wünschenswert.

 

 

In der Diskussion zeigte sich, dass es in zahlreichen Bereichen heute noch Defizite gibt, die es durch bessere Information und vielleicht auch Überwachung, etwa bei den sogenannten gefährlichen Tieren, abzubauen gilt. Lorenz Haut (BNA) und Dr. Gisela von Hegel (Direktorin des Zoologischen Gartens Karlsruhe) wiesen auch darauf hin, dass besonders bei Kindern das Verständnis für die Natur geweckt werden muss und dafür Zoos, Schulungseinrichtungen, aber auch der direkte Umgang mit Tieren wichtig sind.

 

Dr. Sandra Altherr (Pro Wildlife) wies in ihrem Vortrag darauf hin, dass es Defizite beim Handel mit Wildtieren gibt. So führe der - erlaubte - Export vieler Wildtiere zur Gefährdung in der Natur bei. Sie sprach von hohen Verlustzahlen etwa von Aquarienfischen, konkrete Zahlen wurden nicht genannt. Hier schälte sich heraus, dass es offensichtlich bei vielen Reptilien- und Vogelbörsen Defizite gibt.
Angebote reisender Händler sowie tierschutzwidrige Präsentation sind keine Einzelfälle. Die Probleme liegen nicht nur bei den Veranstaltern, sondern auch beim Vollzug. Es herrschte weitestgehende Übereinstimmung im Plenum, dass sich hier etwas bessern muss.

 

Die Tierbörsenrichtlinien räumen dem Vollzug, also den Amtstierärzten, viele Rechte ein, die aber teilweise von Lokalpolitikern wieder ausgehebelt werden. Auch beim Import als Nachzuchten deklarierter Wildfänge ließe sich besonders bei Reptilien durch eine Größenbeschränkung relativ leicht Abhilfe schaffen.

 

 

 

 

Mit Spannung erwartet wurden die Beiträge der Politiker zum Thema. Das Tierschutzgesetz steht vor einer Novellierung, noch ist unklar, wie genau es neu ausgestaltet wird.
Undine Kurth (MdB, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) stellte eingangs fest, dass es ein Recht auf Hobby gibt. Es sei großartig, wenn dieses Verständnis für Tier- und Naturschutz wecke, aber es müsse von der Politik gesetzte verbindliche Regeln geben. Auch sie wies darauf hin, dass es derzeit Missstände bei der Heim- und Wildtierhaltung gebe, vor allem aus Unkenntnis. Tierschutz müsse nicht nur aus Sicht des Menschen, sondern auch aus der der Tiere betrachtet werden. Klar sprach sie sich gegen ein Wildtierverbot aus.
Sie forderte, auf den Rat von Fachleuten zu setzen, Rahmenbedingungen zu setzen und daran die Regeln zu orientieren. Als Problem erkannte auch sie Missstände bei Tierbörsen, zeigte aber auch Lösungsmöglichkeiten auf, etwa durch ein Verkaufsverbot von Wildfängen (außer nach längerer Privathaltung als überzählige Tiere) sowie bessere Sachkunde bei Käufern und das Verhindern von Spontankäufen. So müssten Börsen stärker überwacht, Verstöße bis hin zum Verbot sanktioniert werden. Sie forderte verbindliche Vorschriften für die artgerechte Haltung, die die derzeitigen Gutachten über die Mindestanforderung bei verschiedenen Tiergruppen nicht leisten. Bestimmte, in Menschenobhut nicht haltbare Tiere seien auszuschließen.

 

Olav Gutting (MdB, CDU) stellte fest, dass es im Tierschutzkonzept seiner Fraktion viele Gemeinsamkeiten mit der von seiner Vorrednerin vorgetragenen Stellungnahme gibt. Auch er erkannte Missstände, die durch verbesserten Tierschutz beseitigt werden sollen. Er wies darauf hin, dass die Haltung von Heimtieren grundsätzlich der Privatsphäre des Einzelnen unterliegt, und dass der Staat nur bei massiven Fehlentwicklungen eingreifen kann. Er trat auch für eine verbesserte Sachkunde im Zoofachhandel als wichtigstem Kettenglied ein. Er forderte, die nötige Sachkundeverbesserung bei Privathaltern verstärkt zur Aufgabe von Vereinen und Verbänden zu machen, der Staat kann hier nur die Rahmenbedingungen schaffen.

 

Heinz Paula (MdB, SPD) war leider verhindert. In seiner schriftlichen Stellungnahme schloss er sich weitgehend den Mindestforderungen des DTB an.

 

 

Mit Spannung erwartet wurde der Vortrag von Thomas Schröder, Präsident des DTB. Er stellte zuerst einmal fest, dass seine Anwesenheit bereits Gesprächsbereitschaft signalisiere.
Dann stellte er fest, dass sich der DTB nie gegen die Haltung aller Exoten ausgesprochen habe. Als Exoten definierte er Wildtiere und deren Nachzuchten, die nicht in Deutschland heimisch oder domestiziert seien.
Weiterhin seien Exoten nicht an das nächste Leben beim Menschen gewöhnt und stellten hohe Haltungsansprüche.

 

 

Er gab Zahlen importierter Reptilien im Vergleich mit der angenommenen Terrarienzahl an und schloss daraus, dass die Verlustrate bei Transport und Handel sehr groß sei. Der DTB fordere kein generelles Verbot der Wildtierhaltung, er schätze das Engagement vieler Menschen mit Exoten, aber es gäbe zahlreiche Missstände bei Handel und die Exoten würden vom Spezialisten- zum Modetier. Daher erhebe der DTB die Forderung nach einem grundsätzlichen Verbot des Handels mit Wildtieren, des Verbots von Tierbörsen und Wildfängen.
Das sei aber die Maximalforderung, die Minimalforderungen seien, gefährliche, zu groß und zu alt werdende sowie als besonders heikel geltende Tiere zu verbieten, die Zuverlässigkeit und Sachkunde des Halters zu prüfen, Volljährigkeit sowie eine Tierhalterhalftpflicht, Haltungsvorgaben zur Gewährleistung einer sicher, aber auch art- und verhaltensgerechten Unterbringung sowie eine Meldepflicht.
Diese Forderungen seien zum Teil auf alle als Heimtier gehaltenen Tiere übertragbar, da auch andere Heimtiere als Exoten Sachkunde brauchten. Eine Positivliste sei kurz zu halten, das erleichtere den Behörden die Arbeit und erleichtere die Aufklärung.

 

Daraufhin entspann sich eine lebhafte Diskussion. Walter Grau (BNA-Präsident) wies darauf hin, dass das Ziel des DTB entgegen anderer Angaben doch das Verbot aller Exoten wie gedacht sei. Der Tenor sei ein durchgängiges Verbot mit wenigen Ausnahmen. Es sei aber besser, bei Missständen mit den Haltern zu sprechen. Der kritische Dialog wurde aber begrüßt.
Thomas Schröder bestätigte daraufhin, dass tatsächlich der Verbotsgedanke der "Rote Faden" der DTB-Forderungen sei und zur Umsetzung eine pragmatische Lösung anzustreben sei.

 

 

Norbert Holthenrich (ZZF) relativierte auch das Zahlenmaterial der importierten Reptilien zu den Terrarien, da viel mehr Terrarien existierten und die Verluste weit geringer seien, wie auch Peter Hoch (Im- und Export Peter Hoch) bestätigte, der auch darauf hinwies, dass nur mit lebenden Tieren Geld zu verdienen sei.
Harro Hieronimus (Präsident der DGLZ und IRG - Aquaristik) betonte, dass selbst einige der Mindestanforderungen des DTB absurd seien, denn eine Tierhalterhaft- oder Meldepflicht für Aquarienfische sei nicht relevant. Thomas Schröder stellte fest, dass Missstände ja von den Vorrednern nicht bestritten würden und der DTB eben deswegen ein Verbot fordere. Man wolle den Dialog aber weiterführen.

 

 

Sonntag, 22.04.2012
Am Sonntagmorgen leitete Dr. Christoph Maisack von der Deutschen juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht den zweiten Tag des Symposiums mit einem Vortrag über die rechtlichen Grundlagen zur Haltung und Zucht von Wildtieren ein.

 

 

Der zweite Tag stand im Zeichen der Zoohandelsindustrie, Züchter und Verbände. Es wurde aufgezeigt, dass die großen Ketten und Importeure bereits ein durchdachtes System zur Haltung und Verlustminimierung - Qualitätsmanagement - eingeführt haben, dass zwar immer noch zu optimieren ist, aber schon eine exzellente Grundlage darstellt. Die verstärkte Berücksichtigung von Nachzuchten sowie die Betonung der nachhaltigen Bewirtschaftung der Bestände wildlebender Tierarten haben hier in den letzten 20 Jahren ebenfalls zu eklatanten Verbesserungen geführt. Als Beispiel für die Nachhaltigkeit führte H. Hieronimus auch die gerade neu herausgegebene brasilianische Zierfisch-Positivliste mit Arten an, deren Naturentnahme kontrolliert wird und bei denen Naturbestände nicht gefährdet werden.

 

 

Torsten Schmidt (Bund gegen den Missbrauch der Tiere) brachte ein neues Argument ins Spiel. So sprach er sich für ein explizites Verbot von Tieren aus, die als Neozoen gefährlich werden könnten, neben einem solchen für aggressive und gefährliche Tiere. Er forderte zwar ein Verbot der Tierentnahme aus der Natur, betonte aber auch, dass viele Missstände auf unzureichender Sachkenntnis beruhten.

 

Zwei Punkte zogen sich wie ein roter Faden durch die Vorträge: Unbestritten sei, dass es Missstände gebe. Des Weiteren sei die Sachkunde im Handel und bei den Haltern verbesserungswürdig. Aber gerade bei der Beseitigung der Missstände sei man auf dem richtigen Weg, diese aufzuzeigen und anzugehen. Ansätze zu Letzterem sah selbst Henriette Mackensen vom DTB.

 

 

 

 

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass der Dialog zwischen Tierhaltern, Handel und Tierrechtlern ein Fortschritt ist.
Inhaltlich allerdings gehen die Meinungen noch weit auseinander und die Standpunkte sind oft noch unvereinbar. Die Politik setzt wichtige Impulse, allerdings geht an ihre Adresse die Forderung, die Gutachten zur Tierhaltung und zu Tierbörsen zu überarbeiten und möglichst gerichtsfest zu machen.
Die Vollzugsbehörden, vor allem die Amtstierärzte, müssen personell und finanziell besser ausgestattet werden, um Börsen und Handel besser zu überwachen und beratend zu begleiten. Im Handel muss die Sachkunde verstärkt werden, jeder Mitarbeiter, der mit Tieren umgeht, sollte vor Aufnahme der Tätigkeit bereits sachkundig sein. Vereine und Verbände sollten versuchen, mehr Sachkunde zu vermitteln und dabei - wenn möglich - auch die Schulen und Bildungseinrichtungen vor Ort einbeziehen.

 

Die überwiegende Zahl der Anwesenden war sich einig, dass ein Verbot der Tierhaltung - auch und besonders der von Exoten - mit wenigen Ausnahmen sachlich weder gerechtfertigt noch wünschenswert ist und bei allen aufgezeigten Missständen der Tierschutzgedanke in Deutschland auf einem guten Weg ist, um auch in Zukunft den Kontakt Mensch - Tier in großer Bandbreite zu gewährleisten.

 


 

Weitere Impressionen vom BNA-Symposium

 

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